In der letzten Woche habe ich wieder viele Gespräche im Zusammenhang mit Industrie 4.0 und Digitalisierung geführt, darunter auch im Arbeitskreis „IT und Kommunikation“ als Teil der Hamburger Dialogplattform Industrie 4.0, eine Initiative der Handelskammer Hamburg und verschiedener Wirtschaftsverbände. Besonders interessant und für mich in der Wirkung nachhaltig war ein Beitrag eines Vertreters einer sehr großen Fluggesellschaft, der über ein Integrationsprojekt im Bereich Rechnungswesen berichtete.

Zunächst war ich etwas irritiert. Das hörte sich nach einer normalen Integration verschiedener Systeme und Mandanten an. Auch wenn das neueste SAP-System mit Hana zum Einsatz kommt: Umstellungen und Datenbereinigungen hatten wir in Folge von Technologiesprüngen bereits in den 1980er und 90er Jahren. Irgendwie neu waren allerdings dann doch die Datentöpfe „strukturierte“ und „unstrukturierte“ Daten neben den ganz normalen Rechnungswesen-Tabellen. Und dann kam nach einigen weiteren Folien die Auflösung. Die Airline möchte weg von einer vergangenheitsorientierten Betrachtung der Daten hin zu einer Realtime-Verarbeitung und einem verstärkten Forecasting beziehungsweise einer präemtiven Ausrichtung der Geschäftsmodelle.

So weit so gut. Das ist sinnvoll und passt konsequenterweise auch im inneren Support-Bereich des Rechnungswesens und Controllings zu dem Industrie-4.0-Gedanken. Ich habe mir dann aber das Thema zu Hause nochmal vor Augen geführt und versucht, die Anforderungen und Möglichkeiten genauer zu verstehen.

Zunächst ist festzuhalten, dass sich um uns herum alles viel schneller dreht und immer komplexer wird. Für Unternehmen ist es deshalb schon fast fahrlässig, Entscheidungen auf Basis von durchschnittlich 3-4 Wochen alten Buchhaltungszahlen zu treffen. Welche Informationen brauche ich heute – und wie schnell, wenn vor 30 Jahren noch die Monatsabschlüsse gereicht hatten? Recherchiert man im Internet nach Kennzahlen, die die Dynamik ausdrücken, dann wird man kaum fündig. Ich habe das hilfsweise über andere Brücken versucht: nach dem Moore’schen Gesetz verdoppelt sich beispielsweise die Komplexität integrierter Schaltkreise innerhalb von 12 bis 24 Monaten, die Datenzuwächse verdoppeln sich alle 1-2 Jahre und auch die Anzahl der Internetnutzer wächst exponentiell (mittlerweile über 3 Mrd.). Wenn man diese Entwicklungen mathematisch als Funktionen umkehrt, dann ergibt sich aus 3-4 Wochen der „Zeitraum“ Realtime! Es ist also notwendig, in unsere unternehmerischen Entscheidungen aktuelle – möglichst tagesgenaue – Informationen einfließen zu lassen (siehe hierzu auch meine Kolumne in B&P und mein Hinweis zu Social Media).

Doch wie ist es mit dem Forecast? Wir haben früher gelernt, dass die Betriebswirtschaftslehre (BWL) die Planungszeiträume in strategisch (5-10 Jahre), taktisch (bis 5 Jahre) und operativ (1 Jahr) aufteilt. Die Grenzen haben sich auch hier immer mehr Richtung Gegenwart entwickelt, so dass die BWL neu geschrieben werden muss. Meinen Studenten sage ich immer, dass sie sich genau die Branche und die Vorhersagbarkeit von möglichen Ereignissen anschauen sollen. In der Chip-Industrie kann ein Jahr schon strategisch sein. Und interessant in diesem Zusammenhang ist auch sinngemäß eine Aussage von Burghardt Schwenker (ehem. CEO Roland Berger und heute Aufsichtsratsvorsitzender) vor 2 Jahren bei einem Vortrag vor dem Übersee-Club: „früher wurden die Berater nach Strategien gefragt, heute können kaum noch 12 Monate vorhergesagt werden“.

Sind dann eigentlich vor diesem Hintergrund Strategien, Prognosen oder auch ganz einfach unsere Planungsansätze und Budgetierungen noch zeitgemäß? Richtig, hier kommen jetzt moderne Controlling-Ansätze zum Zuge.

Wenn Sie, lieber Leser, diese Gedanken interessant finden, dann schauen Sie doch in den kommenden Wochen wieder in den Blog. Ich werde mich dann Themen wie Beyond Budgeting oder auch dem Risikomanagement mit Hilfe von Sensitivitäts- und Szenarioanalysen oder der Monte-Carlo-Simulation widmen…

Ihr Horst Tisson