Mit Industrie 4.0 verbinden viele die vollständige Automatisierung und Vernetzung im Fertigungs- und Logistikbereich. Unter Wikipedia kann man lesen: „Industrie 4.0 bezeichnet die Informatisierung der Fertigungstechnik und der Logistik bei der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation…Das Ziel ist die „intelligente Fabrik“ (Smart Factory), welche sich durch Wandlungsfähigkeit, Ressourceneffizienz, ergonomische Gestaltung sowie die Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse auszeichnet“. Beeindruckend schreibt auch techtag, welche Möglichkeiten sich mittlerweile im Zusammenhang mit Industrie 4.0 ergeben: in dem Artikel „Intralogistik & Industrie 4.0 – Die Zukunft ist heute!“ wird über vollständige digitale Logistikketten geschrieben, in denen der Mensch nur noch korrigierend eingreift. Und in dem Beitrag „Mit Industrie 4.0 in die Zukunft“ wird ebenfalls auf den Leistungserstellungsprozess abgestellt.

Es vergeht nicht ein Tag, an dem nicht über Automatisierung und Vernetzung oder eine völlig neue Wertschöpfung gesprochen wird. In den meisten Fällen ist das auch alles Industrie 4.0 – allerdings zu kurz gegriffen und damit gefährlich für Unternehmen. Denn es wird zu sehr die Effizienz in den Vordergrund gestellt und weniger die Frage gestellt, wofür das Ganze eigentlich gut ist. Kunden bestimmen das Geschäft. Wer zukünftig Plattformen besitzt, besitzt die Kunden und gestaltet die Märkte. Digitale Geschäftsmodelle – oder wie wird mit Hilfe der Digitalisierung das Geld verdient – müssen auf die Agenda von Unternehmen. Und alles was automatisiert und vernetzt wird, muss sich einer Gesamtsicht von der Leistungsverwertung (Markt und Kunde) über die Leistungserstellung bis hin zum Leistungsbezug (Outsourcing, Partnerschaften, Kooperationen) unterordnen. Alle (Denk-) Prozesse beginnen beim Kunden. Wie stand es diese Woche in der Welt: die Allianz wird jetzt auch alles am Kunden ausrichten, in der Vergangenheit wurden nur Verträge verwaltet. Im Zusammenhang mit Digitalisierung der absolut richtige Ansatz.

Wir müssen deshalb vorsichtig sein mit dem Begriff „Industrie 4.0“. Das ist eine Wortschöpfung, die in die falsche Richtung leitet, obwohl damit etwas anderes gemeint ist beziehungsweise verstanden werden sollte. Durch die Erweiterung des Internet-Adressraums und die exponentiell ansteigenden Datenvolumina, die Technologiesprünge und die zunehmende Dynamik wird heute nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Automatisierung von der vierten Industriellen Revolution gesprochen. Es gab aber vor dieser jetzt aktuellen Phase nie eine Industrie 1.0, 2.0 oder 3.0. Diese Begriffe entstanden a posteriori. Mit „Industrie 4.0“ entsteht der Eindruck, dass es sich im wesentlichen um Industriethemen handelt. Die Veranstaltungskalender von Politik, Verbänden und anderen Institutionen bestätigen diese Sicht.

Unternehmen müssen vom Kunden aus planen und sie müssen immer mehr in Services denken. Wenn gestern „Produkt + Service“ zählte, verlangen Kunden heute „Service + Produkt“. Digitale Geschäftsmodelle wie Car2Go, Drive Now oder myTaxi machen das vor. Das gilt nicht nur für das Geschäft zwischen Business und Konsument (B2C), sondern auch für B2B. Es werden somit konsequent die Anforderungen vom Markt „rückwärts“ in der Smart Service Factory umgesetzt. Und dann kommt auch wieder „Industrie 4.0“ voll zum tragen…

Ihr Horst Tisson