„Digitale Transformation“ ist heute eines der Schlagworte, das im Zusammenhang mit Industrie 4.0 und Digitalisierung benutzt wird – sei es, um die Thematik, über die man sprechen möchte, ohne Umwege anzusteuern, oder um sich beispielsweise als Berater das richtige Profil zu verschaffen. Ist der Begriff ein Contractio adiecto als Sonderfall des Oxymoron? Soll er eine besondere Aussage treffen? Oder ist er schlichtweg falsch?

Das Stilmittel des Contractio adiecto dient dazu, in der Sprache besondere Steigerungseffekte durch die Wahl gegensätzlicher Wortpaare – in diesem Fall Subjekt und Adjektiv (auch Prädikat) – zu erreichen. Beispiele hierfür sind das runde Quadrat, ein stiller Schrei, oder das offene Geheimnis. Ist „digital“ und „Transformation“ eine solche Kombination? Vielleicht ist der Begriff einfach nur falsch gewählt. Vielleicht ist seine Verwendung aber auch kalkulierend intendiert. Und vielleicht ist die Übernahme in den eigenen Sprachgebrauch nicht ausreichend reflektiert.

Als digital im Sinne des oben gewählten Buzzwords kann etwas verstanden werden, was nicht analog ist. Digital werden Zustände bezeichnet, die entweder „0“ oder „1“ sind. Oder auch Entscheidungen, die „ja“ oder „nein“ als Ergebnis haben, können als digital gelten. Es gibt letztendlich keine exakte Definition für digital oder dessen Wortbestandteil „digit“ (Ziffer, Stelle, Binärwert usw.). Und dennoch gibt es gemeinhin das Verständnis, dass der Begriff mit Computern, Datenverarbeitung und Informationsgewinnung zu tun hat. Er hat damit auch mit Internet, Vernetzung und Cyber Physical Systems zu tun. Kurzum: alles was automatisiert ist, ist digital. Und alles was automatisiert wird, muss dann Digitalisierung sein. Hier geht es also um Zustände und Prozesse…

Vor diesem Hintergrund wird dann auch klar, was ein digitales Geschäftsmodell ist. Es handelt sich um ein Geschäftsmodell, das (bereits) digital ist. Der Begriff „digital“ ist in diesem Zusammenhang ein Adjektiv, welches das Geschäftsmodell näher beschreibt. Und Transformation? Transformation steht für Übergang, Umformung oder Umwandlung. Es geht also um die (schrittweise) Überführung von einem alten Zustand in einen neuen Zustand – von analog nach digital. Transformation kann zeitlos und statisch verstanden werden, das heißt es interessieren letztendlich nur die Anfangs- und Endzustände, weniger die einzelnen Prozessschritte. Kunden verstehen diesen Zusammenhang oft falsch und vergessen, dass es sich bei der Digitalisierung um einen ständigen und nicht endenden Prozess handelt. Einige wollen „Industrie 4.0 einkaufen“ und denken, damit ist es dann getan.

Intendiert ist mit der Wortwahl „Digitale Transformation“ aber etwas Dynamisches, ein Prozess. Wird dem Prozess allerdings eine Eigenschaft mitgegeben, handelt es sich um ein Adverb. Ist demnach die Umformung digital? Sicherlich kann ein Prozess digital sein, wenn die einzelnen Schritte digital unterstützt werden. Gemeint ist aber etwas Anderes. Vermutlich, ohne der Sache vollständig auf den Grund gehen zu können, ist die Wortschöpfung eher der Industrie und im Speziellen der Beraterbranche zuzuschreiben. Eine „digitale Revolution“, wie vor kurzem von Kai Dieckmann vorgetragen, trifft da schon etwas besser den Kern, lässt sich aber schlechter verkaufen. „Transformation“ ist ein Prozess, der beratend bestens begleitet werden kann. Und Transformation „von a nach b“ ist sperrig und weniger gut transportierbar.

Viele Beratungsunternehmen verwenden heute den Begriff „Digitale Transformation“ und wissen, wovon sie sprechen. Es geht um „analoge und digitale Zustände“. Es müssen die Geschäftsmodelle, Produkte und Services sowie auch die Unternehmensprozesse verstanden werden. Und es müssen die methodischen und sozialen Kompetenzen beherrscht sein, um die anstehenden Veränderungsprojekte im Sinne der Kundenerwartungen zu begleiten. Viele Berater verwenden allerdings undifferenziert Begrifflichkeiten, „um einfach dabei zu sein“. Hier gilt es, die Dinge auch mal etwas genauer zu hinterfragen…

Ihr Horst Tisson