In dem Interview „Erst denken, dann tippen“ von Thomas Kerstan am 31.12.2015 auf ZEIT ONLINE erklärt der Informatiker Arno Wolf wesentliche Veränderungen der Arbeitswelt im Zusammenhang mit der Digitalisierung und die Anforderungen an eine gute (Programmier-) Ausbildung. Es wird zukünftig zwei Gruppen von Beschäftigten geben, „…die einen, die dem Computer sagen, was er machen soll, und den anderen sagt der Computer, was sie machen sollen“. Er spricht von den „disruptive innovations“ und Plattformen, die zukünftig unsere Geschäfte bestimmen. Und er verlangt eine ökonomische und gesellschaftliche Verantwortung – nicht alles technisch realisieren, was machbar ist. Aber geht das überhaupt? Kann der Einzelne diese Verantwortung übernehmen oder geht das nur im Kollektiv? Wer legt dafür die Regelungen fest, die Schulen und Hochschulen? Macht es Sinn, sich einzuschränken, wenn die Googles, Apples oder Regionen mit erheblichem wirtschaftlichen Nachholbedarf auf der Überholspur sind?

Auch von Unternehmern wird gefordert, ein Gleichgewicht zwischen sozialer Verantwortung und technischer Experimentierfreudigkeit zu schaffen. Die Entwicklungen auf den Märkten sind exponentiell, datengetriebene Geschäftsmodelle zerstören jahrelang erprobte Verfahren und neue Anforderungen der Kunden führen zu grundlegenden Verschiebungen der Nachfragestrukturen. Jetzt werden die Beschwichtiger wieder sagen, das seien ja alles Szenarien des so genannten B2C-Geschäfts und B2B sei davon nicht betroffen. Ist das wirklich so? In letztgenanntem Business sind die Änderungen nicht so offensichtlich, aber sie sind definitiv auch vorhanden: Substitution von „Handwerk“ durch 3D-Druck, weg von Massenfertigung hin zu Einzelprodukten, Intermodal-Portale statt Eisenbahn, Flugzeug und Schiff… Nicht, dass mit letztem Beispiel eine Abschaffung der Verkehrsmittel gemeint ist. Nein, hier geht es um das Portal, den Kunden und seine Bindung an ein Unternehmen. Die gesamte Wirtschaft ist von der Digitalisierung betroffen.

Bemühen wir doch einmal mehr Michael E. Porter und das Five-Forces-Modell. Stellen Sie sich folgende Fragen:

  1. Wer sind meine Wettbewerber, was macht sie besonders aus, wo werden sie mir gefährlich, wie kann ich besser werden?
  2. Wer sind meine Lieferanten, welche Macht haben sie heute und morgen, wie verändern sich die Beschaffungsmärkte?
  3. Gibt es die Möglichkeit, neu in die bestehenden Märkte einzutreten, wie hoch sind die Eintrittsbarrieren, können neue Teilnehmer unter Umständen auch Teilbereiche besetzen?
  4. Gibt es Substitute, das heißt werden meine Produkte durch andere Anforderungen, andere Produktionsverfahren oder wie auch immer ersetzt?
  5. Wer sind meine Kunden, was erwarten sie von mir, welchen Nutzen muss ich für diese Kunden erzielen?

Stellen Sie diese Fragen immer vor dem Hintergrund, dass alles was digitalisierbar ist (manchmal muss völlig quer gedacht werden) auch digitalisiert wird. Holen Sie sich für diese Fragestellungen am besten externe Unterstützung ins Haus. Denn es ist bekannt, dass der größte Anteil der Manager eher analog als digital denkt. Und analog ist hier nicht als Gegenteil von digital gemeint, sondern das Schaffen von Analogien. Wir sind häufig gefangen in unseren gelebten Strukturen. Anschließend wissen Sie dann vermutlich auch, was Sie zukünftig gut können müssen und viel weniger, welche Kernkompetenz vorhanden ist. Diese ist zwar wichtig und eine gute Ausgangsposition, aber die Anpassung an zukünftige Erfordernisse ist überlebenswichtig. Und Anpassung, Neuausrichtung oder Disruption unterliegen einer steigenden Dynamik.

Doch verfallen Sie nicht in einen vielfach geforderten Aktionismus. Digitalisierung wird nicht die grundsätzliche Herangehensweise an unternehmerische Entscheidungssituationen verändern. Wir werden heute und morgen auswerten und analysieren müssen und dann Entscheidungen treffen. Durch das ungeheure Veränderungstempo werden Prognosen schwieriger und Entscheidungsprozesse erheblich kürzer. Das Internet der Dinge und die gigantischen Datenmengen werden unternehmerisches Handeln komplexer und unsicherer machen. Aber das ändert nichts daran, dass wir weiterhin fundierte Grundlagen benötigen, um gute Entscheidungen treffen zu können. Dabei geht es um Informationen, die wir aus dem Datenschatz der operativen IT-Systeme, dem Internet oder auch einer zunehmend eingesetzten Sensorik richtig herausfiltern müssen. Und es geht um eine verlässliche und leistungsfähige IT, die uns die Informationen zur Verfügung stellen muss.

Keine leichte Aufgabe, denn die Vielschichtigkeit der zukünftigen Aufgaben ist groß. Aber auch für Unternehmen wird gelten: es wird zukünftig Unternehmen geben, die den (digitalisierten) Markt verstehen, und es wird die anderen geben, denen der Markt sagt, was sie machen sollen. Soziale Verantwortung heißt mit der Disruption leben und sie als Chance verstehen. Soziale Verantwortung heißt auch zu experimentieren, dabei aber nicht hasardieren. Soziale Verantwortung kann auch heißen, unpopuläre Entscheidungen treffen, agiler werden, Strukturen aufbrechen.

Ihr Horst Tisson