Wir wissen mittlerweile alle, was Cloud ist. Dazu tragen zahlreiche Veröffentlichungen und Beiträge seit nunmehr mindestens fünf Jahren bei. Auch dass es sich um ein Teilgebiet des Outsourcings handelt, Leistungen skaliert und damit Kosten flexibilisiert werden können. Alles schön und gut, aber lassen Sie uns doch dieses Thema einmal vor dem Hintergrund von Industrie 4.0 und der Digitalisierung diskutieren.

Wenn Sie meine Blogs lesen wissen Sie, dass ich weder das Begriffspaar „Industrie 4.0“ und „Digitalisierung“ auf der einen Seite, noch die vielfach hierzu beobachtenden Initiativen, Veranstaltungen oder Vorträge immer gut finde. Industrie 4.0 ist – wie wir es meist vom Marketing kennen – eine Wortschöpfung (hier von der Bundesregierung), an der sich mittlerweile die gesamte Wirtschaft orientiert und die auch für viele Unternehmen ideal als Vermarktungswerkzeug dient. Es gab vorher nicht „Industrie x.0“ und es handelt sich in den meisten Fällen eher um eine Weiterentwicklung bekannter Technologien – zugegebenermaßen mit exponentiellen Zügen.

Auch die „Digitalisierung“ kann missverständlich sein. Die Einführung des Dualsystems (Leibnitz, 1673), der lochkartengesteuerte Webstuhl von Jacquard (1804) oder die Entwicklungen von Babbage und Hollerith (späterer Gründer von IBM, 1911) waren wichtige Meilensteine für nachfolgende Technologien. In den 1940er Jahren gab es erste Rechenmaschinen (z. B. Zuse, Telefunken) und 10-20 Jahre später die ersten ernst zu nehmenden digitalen Rechenwerke. Mit der Entwicklung des Großrechners IBM 360 im Jahre 1964 gelang spätestens der breite Einstieg in die betriebliche Datenverarbeitung. Wenn wir heute von Digitalisierung sprechen, verbinden wir allerdings andere Inhalte mit dem Begriff als die ausschließliche Automatisierung manueller Tätigkeiten.

Mit Digitalisierung ist heute gemeint, dass „digitalisiert wird, was zu digitalisieren ist“. Wir stellen das selbst jeden Tag fest, wenn es „plötzlich“ Brillen für virtuelle Welten und realitätsnahe Spiele, neue Apps für unsere Haussteuerungen oder den Rasenmäher gibt oder wir uns schon wieder ein neues Passwort für ein Portal ausdenken müssen. Digital wird demnach in der heutigen Interpretation nicht ausschließlich als Gegenteil von analog verstanden, sondern als eine umfassende Veränderung. Industrie 4.0 ist als Begriff irreführend, denn er suggeriert die Beschäftigung mit Industriethemen. Sicherlich sind beispielsweise die Automatisierung und Roboterisierung, die Cyber Physical Systems und 3D-Druck bzw. ALM wichtige Bestandteile unserer neuen Welt – aber eben nur Bestandteile. Digitalisierung ist umfassend, betrifft Kunden und Märkte ebenso wie effiziente Produktionsgestaltung und ist damit Strategie und Chefsache zugleich!

Wir müssen uns in vielen Dingen verändern – in unserem unternehmerischen Denken, der Art und Weise, wie wir uns den neuen Herausforderungen stellen wollen, oder auch in organisatorischen Fragen und dem Führungsstil. Es würde den Rahmen sprengen, sämtliche Themen an dieser Stelle zu beleuchten. Ich beschäftige mich deshalb im Folgenden kurz mit dem zu ändernden „Denkansatz“.

Die meisten heutigen Manager kennen noch das klassische dreigeteilte Schulsystem, lernen und reproduzieren, auf Abschlüsse hinarbeiten, sich innerbetrieblich weiterbilden und besonders auch „Erfahrungen sammeln“. Nach vielen „Lehrjahren“ können wir Unternehmen leiten, weil wir erfahren sind und „schon vieles erlebt haben“. Wir konstruieren in neuen Entscheidungssituationen Analogien und verschaffen uns dabei oft ein riskantes Sicherheitsgefühl. Und wir neigen meist immer noch dazu, alle wichtigen Entscheidungen selbst zu treffen bzw. uns in jeden Vorgang einzuschalten. Dabei wird oft vergessen, dass auch der einzelne Manager nur eine begrenzte Kapazität darstellt und sich naturgemäß bei Überlastung tendenziell eher mit dem Bekannten beschäftigt. Kreatives Querdenken ist so kaum möglich.

Am Beispiel der Diskussion um Cloud Computing möchte ich zarghaft aufzeigen, wie eindimensional wir oft denken. Stellen Sie doch einfach mal Ihren Kollegen und Mitarbeitern die Frage, was diese unter Cloud verstehen. Es wird sicherlich inhaltlich unterschiedliche Antworten geben, weil nicht jeder Ihrer Gesprächspartner den gleichen Informationsstand hat. Darum geht es mir auch gar nicht. Ich würde aber jede Wette eingehen, dass die Mehrzahl Ihrer Gesprächspartner unter Cloud Leistungsangebote externer Dienstleister versteht. Viele kennen die Diskussion bereits aus dem Umfeld der eigenen IT, wenn Infrastrukturen, Plattformen oder auch Applikationen zugekauft werden.

Hat niemand Cloud als eigenes strategisches Produkt definiert? Warum nicht? Menschen denken in Analogien und dem, was sie kennengelernt haben. Seit den 1980er Jahren reden wir über Outsourcing, gescheiterte Projekte (Qualität, teuer) und seit nun einigen Jahren über die Kostenvariabilisierung mit Hilfe von Cloud. Damit ist Cloud ein Provider-Thema, also in einer festen Schublade.

Im Zusammenhang mit Digitalisierungsstrategien müssen wir aber auch über Portale und Zielgruppenbesitz nachdenken. Wir sprechen über Services, idealerweise über (digitale) Smart Services, in die die bisherigen Produkte „eingebettet“ sind. Aber nahezu jede Diskussion über Cloud landet in der Beschaffungsecke…

Warum sind Sie kein Cloud-Anbieter?

Ihr Horst Tisson