Im letzten Blog wurden die zwei Geschwindigkeiten im Unternehmen durch immer mehr und anspruchsvollere Anforderungen auf der einen Seite und andererseits der Sicherstellung des normalen operativen Betriebs behandelt. Wichtig ist, dass das gesamte Unternehmen im Sinne von Enterprise Service Management in diese Problematik eingebunden wird, wenngleich der IT-Bereich durch die diversen Digitalisierungsthemen am meisten betroffen und gefordert ist. Der heutige Blog beschäftigt sich vor dem Hintergrund der Bimodalität mit der verantwortlichen Einbindung der IT in das Anforderungsmanagement.

Um sich dem Bimodalitäts-Problem und seiner Lösung besser nähern zu können, wird die Rolle der IT im Unternehmen im Zeitverlauf kurz durchleuchtet und dann überlegt, wo die Ansatzpunkte für eine Verbesserung liegen können. Hierzu wird zunächst von einer stabilen und ausgewogenen IT-Steuerung ausgegangen. Stellen Sie sich vor, dass der operative Betrieb fehlerfrei läuft und die zugesagte Qualität und die vereinbarten Verfügbarkeiten erbracht werden. Das „System IT“ ist also in einem Gleichgewicht, das Business bezahlt, die IT erbringt ihre Leistungen und alle sind zufrieden. Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch die klassische organisatorische Einteilung mit einem CEO, einem CFO und dem CSO und/oder CMO. CIO’s schmücken sich zwar mit dem „C“, sind aber nach dem Verständnis vieler Unternehmensleitungen Dienstleister im Unternehmen.

In einer zweiten Phase entwickeln sich auf der „Business-Seite“ immer mehr Anforderungen. Wir wissen heute, dass der so genannte Demand – im Besonderen hervorgerufen durch technologische Entwicklungen, Kundenanforderungen, Big Data und einer exponentiell steigenden Komplexität im Unternehmensumfeld – immer größere Herausforderungen an die IT stellt. Viele Anfragen durch das Business können nicht zur Zufriedenheit der „Kunden“ umgesetzt werden – ob sie nun sinnvoll oder weniger sinnvoll sind. Die Frage nach dem wirklichen Nutzen wird dann auch nicht immer objektiviert beantwortet. Die IT ist nach wie vor Dienstleister, leistet zunehmend schlechter und begründet vieles mit Komplexität, fehlenden Ressourcen oder Risikopotenzialen in einem meist unverständlichen Fach-Chinesisch. Kurzum, die IT leistet nach Aussage ihrer Kunden schlecht und kostet viel. Und sie ist zudem intransparent.

Die dritte Phase sieht so aus, dass sich die IT beginnt selbst zu optimieren. Frameworks und Best Practices wie ITIL oder COBIT sind hilfreich. Darüber hinaus werden sehr gute Erfahrungen mit neueren Ansätzen im Projektmanagement und agilen Methoden oder auch adaptierten Ansätzen aus der Produktionswirtschaft wie beispielsweise Kanban gemacht. Es wird DevOps zur Beschleunigung von Umstellungen eingeführt und es werden Erfahrungen mit der Reduzierung von Leistungstiefen und Outsourcing gemacht. Letzteres übrigens schon seit den 1990er Jahren mit nicht immer guten Ergebnissen. Aber wir dürfen nicht unberücksichtigt lassen, dass sich in den letzten 20-30 Jahren meist „kleine Unternehmen“ entwickelt haben, die ihre Aufgaben auf neue Beine gestellt haben und viel „betriebswirtschaftlicher“ geworden sind. Die Agenda der IT ist längst nicht mehr nur technisch. Der Management-Anteil ist hoch und in den meisten Bereichen wird heute bereits recht professionell gearbeitet – allerdings in vielen Fällen noch immer in einer Rolle „Ihr da oben, wir hier unten“.

Wenn in dieser Situation die Anforderungen exponentiell weiter steigen, wenn diese immer komplexer werden und die IT sich immer schneller dreht, dann kann eigentlich das Ergebnis nicht gut sein. Wenn es einem Menschen immer schlechter geht, weil alles auf ihn einstürzt, wird ihm jeder Arzt zunächst einmal zu etwas mehr Muße raten: weniger Stress, keine unnötigen Arbeiten, Konzentration auf sich und das Wesentliche. Auch der IT würde eine sinnvolle Entlastung im Change-Bereich gut tun, ohne damit den Demand weniger ernst zu nehmen. Vielfach werden aber Themen mehrfach behandelt oder es wird sich auf die falschen konzentriert. Ganz besonders problematisch wird es dann, wenn die IT Anfragen ablehnt und das Business bzw. der Kunde die Ablehnungen nicht versteht. Und genau hier scheint ein guter Anknüpfungspunkt zu sein, sich von dem extremen Druck etwas zu befreien.

Wir halten es für wichtig, die Unternehmensanforderungen ganzheitlich zu betrachten und die IT gleichberechtigt an der Projektierung von Veränderungsmaßnahmen zu beteiligen. Wer die IT weiter als Dienstleister versteht und sie nicht auf der Geschäftsleitungsebene mitgestalten lässt, wird sich den zukünftigen (digitalen) Herausforderungen nicht stellen können. Und es muss ein offener und objektivierter Dialog geführt werden über die wichtigen Vorhaben des Unternehmens. Idealerweise macht ein standardisiertes und von allen Seiten anerkanntes Portfoliomanagement die Entscheidungen für oder gegen IT-Projekte transparenter. Diese Entscheidungen sind dann weniger positionsbezogen und basieren vielmehr auf gemeinsam vereinbarten und akzeptierten Kriterien.

Ihr Horst Tisson