Die Digitalisierung der Gesellschaft sei an Deutschland zwar nicht vorbeigegangen, doch als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2013 vom digitalen „Neuland” sprach, habe sie überwiegend despektierliche Kommentare geerntet, so betonte es Prof. Dr. Stephan Humer in seiner Antrittsvorlesung mit dem Titel „Die Digitalisierung der Gesellschaft: Auf der Suche nach einer besseren Welt“. Dabei sei die Aussage im Kern völlig korrekt, fuhr Humer weiter fort: „Internet und deutsche Gesellschaft, das war – und ist – eine schwierige Beziehung.“ Die Soziologie bilde hier keine Ausnahme, ganz im Gegenteil: die spannenden und relevanten Ideen rund um das Phänomen Digitalisierung seien in den vergangenen Jahren fast immer aus anderen Disziplinen und Ländern gekommen. Dabei mangele es der Soziologie nicht an wissenschaftlichen Grundlagen: sie sei gerade in Deutschland gekennzeichnet von einer reichhaltigen Geschichte, ausgefeilten Theorien und einem umfassenden Methodenkanon. Was ihr jedoch weitgehend fehle, sei ein grundlegendes Verständnis digitaler Technik und der daraus resultierenden sozio-technischen und netzkulturellen Konsequenzen.

„Das heißt, es gibt kein ganzheitliches soziologisches Konzept, das erklärt, welche Folgen die Digitalisierung für die Gesellschaft hat“, so Humer. Grundsätzlich biete das Internet einen Zugang zu einer großen Masse an Informationen, die der Nutzer zunächst zu verarbeiten habe. Um die Auswirkungen besser beschreiben zu können, liege es nahe, die beiden wissenschaftlichen Disziplinen Soziologie und Informatik miteinander zu verbinden, führte er weiter fort. „Denn die Digitalisierung ist eine sozio-technische Angelegenheit, eine komplexe technische Revolution, die ausschließlich durch Menschen mit Sinn gefüllt wird“, erklärte der Soziologe. Daher brauche es gleichermaßen sozialer wie technischer Kenntnisse. Dies zeigten auch die derzeit heftig diskutierten Phänomene wie Hate Speech, Terrorpropaganda und Online-Radikalisierung. „Der Medientheoretiker Vilém Flusser hatte recht: Technik ist zu wichtig, um sie nur Technikern zu überlassen. Das gilt für das Internet wahrscheinlich mehr als für alle anderen Medienphänomene,“ resümierte Humer abschließend in seiner Antrittsvorlesung.

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